Beim diesjährigen European Newspaper Congress wurde aufgemuntert: Wir stecken mitten in einer digitalen Revision.

WIEN. Plattenläden schießen wie Pilze aus dem Boden; die Polaroidkamera ist zurück; wir kleiden  uns wie in den 80ern – Indikatoren für eine Renaissance der Printmedien? Kommen diese auch zurück?
In jedem Fall blicken sie auf eine erstaunliche Evolution zurück. Schon ab dem 1. Jahrhundert vor Christus finden sich die Ursprünge des Journalismus wieder: Im Römischen Reich erschien täglich das Informationsblatt „Acta Diurna“. Damals wie heute lokalisieren Medien Information, sie bereiten Meinungen auf und erregen. Heute stehen wir der Digitalisierung gegenüber, mit all ihren Veränderungen und Entwicklungen.

„Die digitale Distribution sorgt dafür, dass Printmedien evolutionär gestresst sind“, erklärte Matthias Horx, Zukunftsforscher und Gründer des Zukunftsinstituts, am European Newspaper Congress. Gastgeberland ist heuer Wien: Im Rathaus drehte sich schon gestern alles um die Zukunft, Inhalte, Worst und Best Cases, und auch heute werden noch zahlreiche Speaker auf der Bühne stehen.

Die Zeitung ist tot, Print stirbt aus – Sätze, die kursieren. „Der Weltuntergang, die Vorstellung, es wäre kurz nach zwölf, ergreift auch das Medium an sich“, so Horx. Dies wirke sich nicht nur auf die Redaktion aus, Medien werden zu Angstmachern. Provokante Titel, ständiger Alarmismus, das mache den Journalismus heute aus. „Kurz bevor die Menschen verrückt werden, rudert man zurück – es sei dann doch nicht so schlimm.“

Besonders im Internet will man Erregung schaffen. Websites wie „heftig.co“ verbreiten Titel wie „Die Frau sieht den Obdachlosen im Rückspiegel. Doch was er in der Hand hält, treibt ihr die Tränen in die Augen.“ Ein klassischer Klickköder, ein Clickbait. Um was es geht? Um hohe Klickzahlen und damit um höhere Werbeeinnahmen durch Internetwerbung. „Wenn der Mensch nicht mehr unterscheiden kann zwischen Information und Brei, sprechen wir von Breisyndrom. Wir können mit der permanenten Information nicht mehr mithalten, es kommt zu einer unendlichen Ermüdung. Wir schalten gegenüber der Wirklichkeit ab und leider auch gegenüber Qualitätsmedien“, erklärt Horx. „Die Menschen merken, in was für Abgründe sie geführt werden. Wir stecken mitten in einer digitalen Revision.“ Es entstehe eine antidigitale Skepsis. Dabei entstehe die Zukunft nicht in einer geraden Linie, das Alte würde nie ganz verschwinden: „Es kehrt immer wieder zurück.“

Print kehrt zurück. Doch dafür müsse Realität und Digitales zusammen neu definiert werden: „Aus dem Konsumenten muss ein Prosument werden.“ Professionelle Ansprüche an ein Produkt – wird das die gedruckten Medien retten?
Auf dem Kongress werden auch heute zahlreiche Speaker ihre Vorträge halten. Schon am gestrigen Tag gab es eine Live-Schaltung nach Japan zu Marco Koeder, Digital Director bei J. Walter Thompson. Dieser stellte nicht nur bisherige Innovationen Asiens dar und dessen Vorreiterrolle bezüglich mobiler Businessmodelle, sondern auch die Tatsache, dass Asien die Nummer eins ist, wenn es um die Auflagenstärke geht.

Am heutigen Tag wird nicht nur der rechtsextreme Begriff „Lügenpresse“ diskutiert, auch die Leitmedien und ihre Bedeutung für die Werbewirtschaft sowie Europas beste Tageszeitung „De Morgen“ werden Thema sein. Letztlich geht es um mehr als nur Gedrucktes, so Horx: „Nicht das Papier erfährt eine Renaissance, sondern die Uridee von Print – zu verstehen, zu durchdringen als Teil eines humanen Fortschrittsprozesses.“ (gs)

Quelle:

www.medianet.at, http://medianet.at/article/die-angstmacher-9182.html