Erschienen auf kress.de am 23. Mai 2017

Mit einem nicht ganz alltäglich selbstkritischen und uneitlen Plädoyer, in Qualitätsmedien wieder mehr Meinungspluralismus zuzulassen, bezog Giovanni di Lorenzo auf dem European Newspaper Congress in Wien Stellung. Unter politischem Druck und angesichts von Fake News und einer Lügenpresse-Debatte sei es für Medienvertreter geboten, Haltung zu zeigen. „Wir müssen unterschiedliche Meinungen wieder aushalten.“

Der „Zeit“-Mann wurde im Festsaal des Wiener Rathauses als „Chefredakteur des Jahres“ geehrt. Für ihn hatten sich im vergangenen Jahr die kress-Leser entschieden. In seiner Dinner Speech unter dem Titel „Medien unter politischem Druck: Was es heute bedeutet, Haltung zu sagen“ griff er erneut seine im vergangenen Jahr laut gewordene Selbstkritik an dem Umgang vieler deutschsprachiger Medien mit der Flüchtlingskrise – auch in der eigenen „Zeit“ – auf.

Um Unterstellungen wirksam zu entgegnen, als Journalist vermeintliche elitäre Mainstream-Meinungen zu verbreiten, riet er zu einem offenen, kritischen Diskurs auch in den Redaktionen. „Einige von uns wurden eher zu Akteuren als zu Beobachtern“, kritisierte er. „Die Politik, die Wirtschaft und auch die Medien haben Glaubwürdigkeit verspielt.“ Dem gilt es nun mit Haltung wieder entgegenzutreten. „Die demagogische Internationale stellt so ziemlich alles in Frage, was bisher unser Selbstverständnis ausmachte“, so di Lorenzo.

Stattdessen seien Medien nun wieder gefragt, sich der elementaren Frage zu stellen: „Wie ist es wirklich?“, so der „Zeit“-Chefredakteur. Dabei sei es wichtig, die eigenen Entscheidungen zu hinterfragen und auch Fehleinschätzungen offen gegenüber den Lesern zu thematisieren. „Der Umgang mit Fehlern ist etwas, was die Leute von uns erwarten.“

Gelegentlich vom hohen Ross wieder herunterzusteigen, muss dabei eine Selbstverständlichkeit sein. Auch Zurückhaltung empfiehlt sich. „An der einen oder anderen Stelle täte uns auch ein wenig Deutungsdemut gut“, so Giovanni di Lorenzo. „Es hat nie zuvor einen solchen Grad an Entfremdung gegeben zwischen Politikern und Medien und unseren Lesern“, sagte. „Dem müssen wir uns stellen.“

Neben Giovanni di Lorenzo zeichnete „kress“ drei weitere Entscheider der Medienbranche aus: Als Newcomerin des Jahres wählten die Leserinnen und Leser von „kress“ Nora Beckershaus von Refinery29, zur Medienmanagerin des Jahres kürten die Leserinnen und Leser von „kress“ Julia Jäkel, Chefin des Hamburger Verlags Gruner + Jahr.

Zur Verlegerin des Jahres wählte die „kress“-Redaktion Petra Grotkamp, Gesellschafterin der Funke Mediengruppe („Westdeutsche Allgemeine Zeitung“, „Berliner Morgenpost“, „Hörzu“). Den Preis nahm Julia Becker, Tochter von Petra Grotkamp, bei der Preisverleihung in Wien persönlich entgegen.

Hintergrund: Der European Newspaper Congress wird vom Medienfachverlag Johann Oberauer und Norbert Küpper, Zeitungsdesigner in Deutschland, veranstaltet. Kooperationspartner wie JTI, die Stadt Wien und der Verband der Österreichischen Zeitungen unterstützen maßgeblich die Veranstaltung.